Die Kritik von Christoph Röhl in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (29.5.11)
1. Juni 2011 von Tilman JensIn meinem Buch über die Odenwaldschule dokumentiere ich neben den grausamen Akten sexueller Gewalt, die durch nichts zu relativieren oder gar zu beschönigen sind, auch den Fall des Schülers Gerhard Roese, der mehrere Lehrer wahrheitswidrig des Missbrauchs bezichtigte. Über die Frage, ob dies statthaft sei, ist nun ein heftiger Streit entbrannt. In seiner FAS- Rezension meines Buches schreibt der Regisseur Christoph Röhl, der einen respaktablen Dokumentarfilm über die Missbrasuchsopfer der Odenwaldschule realisiert hat: „Auf seiner Buchpremiere rief Jens mir öffentlich zu: “Wenn Röhl einen Funken dokumentarischer Ehre hätte, sollte er die Passagen, die diesen Typen zeigen, herausschneiden!” Wenn er von ‚diesem Typen‘ spricht, meint Jens Gerhard Roese. „ Klingt ziemlich unangenehm. „Schaut Euch diese Typen an“, das erinnert an die CDU-Granden, die in den 60er Jahren gegen die APO hetzten.
Das ist gewiss nicht meine Sprache. Glücklicherweise wurde die Veranstaltung auf Video aufgezeichnet. Ich habe in Darmstadt wörtlich gesagt: „Die Opfer bleiben überhaupt nicht vor der Tür in meinem Buch – sie werden lang und breit portraitiert. Ich habe nur eben auch gesagt, wenn ein Schüler, ein Altschüler, neun Lehrer belastet – öffentlich – tingelt durch Talkshows, und dann zwei Monate später erklärt – also gegenüber… – und sagt: „ich hab das alles aus eigener Erfahrung, aus eigenem Ansehen miterlebt – und dann nach zwei Monaten sagt er, nein das nehme ich zurück, dann ist dies für mich kein glaubwürdiger Zeuge. Dieser Zeuge hat aber, dieser windige Zeuge, hat maßgeblich die Wahrnehmung der Odenwaldschule bestimmt und das wird man sagen dürfen, ohne dass man als Verharmloser von irgendetwas da steht. Und ich meine, ich finde das unglaublich und ich finde, um das auch zu sagen, ich finde es unglaublich, dieser Dokumentarfilm von Christoph Röhl, der nächste Woche zu sehen sein wird – ein ganz verdienstvolles Dokument – aber dass er sich maßgeblich auf diesen Zeugen beruft, das zieht sein ganzes Projekt in Misskredit. Wenn er einen Funken dokumentarische Ehre hätte, würde er diese Passagen bis zur Ausstrahlung eliminieren.“
Nichts mit „Typen!“. Der Dokumentarist Röhl, der insinuiert, er sei bei der Veranstaltung zugegen gewesen („rief er mir öffentlich zu“), aber nicht da war, hat das (verfälschte) Zitat schlicht aus dem „Darmstaedter Echo“ abgeschrieben. Er übernimmt seine Quellen ungeprüft, was nicht untypisch für seine Arbeitsweise zu sein scheint. Sonst wäre Christoph Röhl bei seinem Filmprojekt einem windigen Zeugen wie Gerhard Roese nicht aufgesessen.
Meine Äußerungen in Darmstadt sind nun hier als Stream zu sehen.
Die gesamte Dokumentation wird auf Youtube eingestellt, hier der Link zu allen acht Teilen:
Teil 1 - Teil 2 - Teil 3 - Teil 4 - Teil 5 - Teil 6 – Teil 7 – Teil8 - Teil 9
12 Kommentare » Letzter Kommentar von Tilman Jens am 01.6.2011


